KUNST & UNTERNEHMEN

Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst: add art

Nachwuchskunst bei der Kommunikationsagentur Schipper Company; © Helge Mundt, Hamburg

Nachwuchskunst bei der Kommunikationsagentur Schipper Company; Foto: Helge Mundt, Hamburg

Die Initiative add art – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunst in Unternehmen sichtbar und inspirierende Verbindungen mit Künstlern erlebbar zu machen. Seit 2013 öffnen Unternehmen in Hamburg an einem Wochenende im Jahr ihre Geschäftsräume und zeigen der Öffentlichkeit ihre vorhandene Kunst oder auch speziell dafür ausgewählte Nachwuchskunst. Vom 23. bis 26. November 2017 findet die fünfte Ausgabe der add art statt, die neue Impulse für Unternehmen ermöglicht und das Fundament für eine längerfristige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Künstlern schafft.

Ein Interview mit Hubertus von Barby, Projektleiter der add art und Geschäftsführer der newskontor GmbH

Herr von Barby, Sie feiern mit add art in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Bereits zum fünften Mal öffnet Hamburgs Wirtschaft Türen für Kunst. Was macht das Projekt so erfolgreich?

Das Besondere am add art-Format ist, dass es einen niederschwelligen Zugang zu sowohl junger als auch renommierter Kunst an Orten ermöglicht, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Es hat für viele etwas Reizvolles, sich an einem Wochenende auf Erkundungstour zu begeben, um Kunst zu entdecken, mit Künstlern ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch ein Werk eines jungen Künstlers zu erstehen. Und natürlich kommt das Publikum auch, um mehr über die Wirkung von Kunst im unternehmerischen Kontext zu erfahren. Viele Besucher sind überrascht davon, wie selbstverständlich die Beschäftigung mit Kunst und Künstlern im Unternehmensalltag verankert sein kann.

Wer sind die Besucher der add art?

Wir mobilisieren ein sehr breites Spektrum an Besuchern. Es sind im Prinzip alle Altersgruppen vertreten, insbesondere viele Jugendliche, aber ebenso Familien mit Kindern und ältere Kunstinteressierte. Auch aus dem Kulturbereich sind viele Vertreter unterwegs. Für Freundeskreise von Museen sowie für Unternehmensverbände organisieren wir zudem spezielle Führungen am add art-Wochenende, weil das Interesse dort sehr groß ist, den Mitgliedern besondere Kunsteinblicke zu ermöglichen.

Warum ist eine Teilnahme für die Unternehmen interessant?

Im Prinzip gibt es zwei interessante Wirkungsweisen für Unternehmen. Auf der einen Seite gibt es kommunikative Aspekte nach außen – es können neue Netzwerke geknüpft oder auch Kunden auf einer Ebene jenseits von Fachthemen angesprochen werden. Übergeordnet können die Unternehmen der allgemeinen Öffentlichkeit zeigen, dass Kunst einen hohen Stellenwert im eigenen Hause hat. Durch die Möglichkeit für Ausstellungen leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Künstlerförderung und damit auch für den Kunststandort Hamburg. Auf der anderen Seite gibt es die internen Aspekte. Gerade bei Unternehmen, die speziell zur add art Nachwuchskünstler von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW Hamburg auswählen, kommt häufig etwas Unerwartetes in Gang. Viele Mitarbeiter reagieren zunächst skeptisch, wenn die jungen Künstler mit ihren Werken anrücken. Im Nachhinein berichten viele Mitarbeiter jedoch von einer regelrecht belebenden Wirkung, neuen Gesprächsanlässen mit anderen Kollegen und zum Teil sogar von Einflüssen auf die eigene Arbeit.

Und auf Künstlerseite?

Auf Künstlerseite gibt es erstaunlich wenige Berührungsängste gegenüber den Firmen. Bei den jungen Künstlern hat sich offenbar schnell herumgesprochen, dass es wertvoll sein kann, sich einem interessierten Publikum außerhalb der sonst üblichen Offspaces zu stellen. Viele berichten von intensiven Gesprächen und ganz neuen Perspektiven auf die eigene Arbeit. Viele Künstler sind dabei ganz überrascht, wie offen und locker der Austausch mit den Unternehmen sein kann. Bei der Ausgestaltung der Ausstellungen gewähren die Unternehmen große Freiheiten, die Künstler kuratieren auf diese Weise ihre eigene Ausstellung. Jeder ausgewählte Künstler erhält zudem von „seinem“ Unternehmen eine festgeschriebene kleine finanzielle Unterstützung, darüber hinaus sponsern einige Firmen sogar Kataloge zur Ausstellung. Inzwischen machen auch mehr und mehr Besucher von der Möglichkeit Gebrauch, Nachwuchskunst zu erwerben.

Können Sie Bilanz ziehen: Wie hat sich die add art auf den Austausch von Künstlern, Unternehmen und Unternehmensmitarbeitern ausgewirkt?

Meiner Ansicht nach zeigen sich an vielen Stellen positive Auswirkungen. Bei den Unternehmen mit Nachwuchskunst treten diese sicherlich am deutlichsten zutage. Denn dort ist der Austausch am unmittelbarsten: Die Hängung erfolgt während des laufenden Betriebs in den Büroräumen, es wird also relativ massiv in das gewohnte Umfeld eingegriffen. Dadurch kommt ein sehr dynamischer Prozess in Gang, bei dem auch Späne fallen, aber der stets sehr offen abläuft. Gerade dadurch entsteht auch ein besonders tiefes Verständnis füreinander. Gleichwohl haben wir beobachtet, dass es bei vielen Mitarbeitern durchaus grundlegende Hemmschwellen gegenüber Kunst gibt. Das hat meist mit Unsicherheit angesichts der ungewohnten Sinneseindrücke zu tun. Hier haben wir uns als Aufgabe gesetzt, den Unternehmen noch mehr Angebote zu machen, wie sie ihre Mitarbeiter noch besser „mitnehmen“ können.

Ein wichtiger Aspekt bei add art ist die Förderung von Nachwuchskünstlern. Wer entscheidet, welche Künstler in welchem Unternehmen ausstellen dürfen?

Für uns war von Anfang an wichtig, dass wir im Bereich Nachwuchskunst mit einer renommierten Ausbildungsstätte kooperieren. Mit der HAW Hamburg haben wir einen idealen Partner gefunden, da hier nicht nur eine fundierte Ausbildung in sämtlichen künstlerischen Techniken stattfindet, sondern auch ein breites Spektrum der Disziplinen vorhanden ist – wie Illustration, Zeichnen, Malerei, Fotografie, aber auch experimentelle Medienkonzepte und Kostümdesign. An der HAW läuft jedes Jahr eine Ausschreibung, bei der die Studierenden eine Auswahl von Werken einreichen können. Im Anschluss gibt es zwei Auswahltage, an denen jedes Unternehmen separat für sich die eingereichten Werke sichtet und seine Favoriten bestimmt. Interessanterweise gab es bislang kaum Überschneidungen bei der Auswahl der Künstler.

In der Vergangenheit wurden auch immer wieder künstlerische Interventionen verwirklicht, die über das klassische Ausstellen weit hinausgehen. Können Sie ein besonders gelungenes Beispiel einer solchen Kooperation nennen?

Das Thema künstlerische Interventionen ist in Deutschland noch nicht sehr weit verbreitet. Denn das Prinzip, eine unternehmerische Herausforderung mithilfe eines Künstlers anzugehen anstatt beispielsweise mit einem Unternehmensberater, ist auch mit einer gewissen Unberechenbarkeit verbunden. Doch es zeigt sich, dass gerade auf diesem Wege, mit einem unverstellten Blick von außen, oftmals nachhaltigere Lösungen gefunden werden können. Ein finnischer Hersteller von Steinwolle engagierte vor einigen Jahren eine Theaterregisseurin, um die Zusammenarbeit zwischen zwei benachbarten Fabriken zu verbessern. Nachdem nach anfänglich großer Skepsis auf Seiten der Belegschaften das Eis gebrochen war, stellten Mitarbeiter sich gegenseitig ihre Fabriken anhand von Fotos sowie von Aufnahmen der Maschinengeräusche vor. Daraus entsponnen sich intensive Dialoge, man kam auf einer ganz anderen Ebene in den Austausch. Der Personalchef beschrieb den Erfolg des auf zwölf Monate angelegten Projekts einige Zeit später als sehr durchschlagend mit dem Hinweis darauf, dass die Produktivität beider Standorte in der Folgezeit sichtbar angestiegen war – nicht nur, aber vielleicht auch aufgrund dieser Intervention.

Umgeben auch Sie sich in Ihrem Arbeitskontext mit Kunst?

In meinem Büro hängen aktuell die Plakate unserer letzten vier add art-Veranstaltungen. Ich bin jedes Jahr aufs Neue überrascht von der großartigen Qualität der von den jungen Künstlern geschaffenen Werke. Die Ausstellungen in den Firmenräumen und die Gespräche mit den Künstlern inspirieren mich daher sehr und hallen lange nach. Auch abgesehen von add art versuche ich, möglichst häufig in den Genuss von Kunstbetrachtungen zu kommen – sei es im Museum, in einer Galerie oder auf einer Kunstmesse. Ich schöpfe daraus viel positive Energie, und das schlägt sich, zumindest gefühlt, auch in meiner hauptsächlichen beruflichen Tätigkeit, der PR-Arbeit insbesondere für Finanzdienstleister, nieder.



add art: 23. bis 26. November 2017

20 teilnehmende Unternehmen mit vorhandener oder speziell ausgewählter Nachwuchskunst, u. a. ADAC, BDO, Buse Heberer Fromm, Grand Elysée Hotel, HypoVereinsbank, KPMG, Le Méridien Hotel, Sparkasse Holstein, Vattenfall.
Podiumsdiskussion am 25.11.2017, 19:00 Uhr im Handelskammer InnovationsCampus (Adolphsplatz 6, Hamburg) zum Thema „Kunst für alle! Zwischen Mission und Kommerz den richtigen Weg finden“
Weitere Informationen auf www.addart.de

Wirtschaft trifft Kunst: Warum Kunst Unternehmen gut tut

Von Ulrike Lehmann
„Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut“, hrgs. v. Ulrike Lehmann, Gabler Verlag, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Auflage1, XVIII, 541 Seiten, Hardcover ISBN978-3-658-17298-5

Cover „Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut“




Seit gut 100 Jahren engagieren sich Firmen für Kunst und machen sie durch ihre Sammlung und Ausstellungen in ihren eigenen Räumlichkeiten für Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner und Gäste zugänglich. Sie fördern Künstler u. a. durch Ankäufe, stiften Preise, stellen sich als Sponsoren zur Verfügung. Dieses Verhältnis ist hinlänglich bekannt. Bisher galt daher die Devise „Wirtschaft fördert Kunst“. Doch in den letzten zehn Jahren ist ein neues Verständnis dafür erwacht, dass Kunst auch die Wirtschaft unterstützen kann. Dies ist vereinzelt in der Personalentwicklung, in der Unternehmenskommunikation und bereits vermehrt im Marketing sichtbar geworden. Die Wirtschaft öffnet sich allmählich dem ideellen Wert und den genuinen Kompetenzen von Kunst und erkennt deren Nutzen. Künstlerisch-kreatives Denken und Handeln, Interventionen von Künstlern in Unternehmen, Kunstbetrachtung zur Teamentwicklung und Weiterbildung in Kunst sind neue Aspekte der Annäherung.

Kunst, Kommunikation, Kreativität

Die Wirtschaft beginnt, von Kunst und Künstlern zu lernen, deren andere Sichtweisen zuzulassen und mit ihnen zu arbeiten. Insbesondere stehen zwei Aspekte im Vordergrund: Kunst kann Kommunikation und sie ist Ausdruck von Kreativität. Diese drei Ks – Kunst, Kommunikation und Kreativität – werden künftig notwendige Faktoren und Voraussetzungen für Innovationen in der Wirtschaft sein. Kunst in Unternehmen regt zu Gesprächen mit Mitarbeitern, Kunden oder Geschäftspartnern an. Sie fördert die interne und externe Kommunikation. Von außen wird dieses Bild positiv bewertet und erhöht die Chance, neue Mitarbeiter zu gewinnen, zumal Kunst in der Gesellschaft positiv besetzt ist. Denn immer häufiger suchen sich Bewerber ihre Arbeitgeber auch danach aus, wie und womit sie sich engagieren und was sie den Mitarbeitern an Fördermöglichkeiten bieten.

Industrielle Revolution 4.0

Wir befinden uns heute in einem großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel. Die Digitalisierung und damit die Industrielle Revolution 4.0 schreiten voran. Unsere Art zu leben und unsere Interaktionen werden sich tiefgreifend verändern. Parallel dazu entsteht eine neue Arbeitswelt 4.0, die Führungskräfte und ihre Mitarbeiter vor neue Herausforderungen stellt. Der Anforderungskatalog an Manager und Mitarbeiter wird neu verhandelt. Leaderships stehen vor den Herausforderungen, mit verschiedenen Generationen und ihren unterschiedlichsten Auffassung von Leben und Arbeit umgehen zu müssen. In der neuen „VUCA-Welt“ (VUCA = Volatility (Unberechenbarkeit), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Ambivalenz)) braucht es einen neuen Typ Mitarbeiter, der heute als „Smart Creative“ oder „Cultural Entrepreneur“ vorgestellt wird und einen gewissen „Startup-Spirit“ mitbringen sollte – ein Mix aus Kreativität, Ideenreichtum, Flexibilität und Unternehmergeist .

Im Januar 2016 veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum in Davos die Studie The Future of Jobs, in der zehn Skills genannt werden, die notwendig sind, um in der Industriellen Revolution erfolgreich bestehen zu können. Stand 2015 die Kreativität noch auf Platz 10, wird sie im Jahr 2020 auf Platz drei stehen. Das ist ein enormer Quantensprung! In wenigen Jahren wird Kreativität einen hohen Stellenwert in der Wirtschaft einnehmen.
Auf diesen Wandel werden Unternehmen sich schon jetzt vorsorglich einstellen müssen. Kreativität und Innovationen werden die Merkmale sein, durch die sich Unternehmen im Wettbewerb unterscheiden werden.

Kunst als Kreativmotor

Doch wie kann man kreativ werden? Kunst kann dazu wesentlich beitragen, gilt sie doch als Urform und genuiner Ausdruck von Kreativität. Kunst ist ein besonders geeigneter Kreativmotor, weil sie alles bietet und fordert, was man für Kreativität und auch für weitere Kompetenzen in der neuen Arbeitswelt braucht – so z. B. Toleranz, kritisches, komplexes Denken und differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit. Kunst ist Ausdruck von Andersdenken und beweist den Mut, Neues auszuprobieren, Altes und Bekanntes auf den Kopf zu stellen. Kunst weckt Neugier und emotionalisiert, fördert visuelles Denken und die Vorstellungskraft. Mit Kunst kann Kreativität nachhaltig trainiert werden. Und Kunst ist in ihrer Originalität eine hervorragende komplementäre Ergänzung zur digitalen Wirtschaft. Um Kunst in Unternehmen neu zu implementieren oder vorhandene Kunst für Mitarbeiter „nutzbar“ zu machen, erfordert es ein nachhaltiges JA der Inhaber und Geschäftsführung, sowie einer Begleitung bzw. Vermittlung, die beide Seiten kennt – die Kunst und die Wirtschaft. Längst steigt die Zahl der Befürworter, der Begeisterten und Mutigen, die Kunst in die Wirtschaft integrieren. In einer Zeit des Umbruchs, in der zunehmend der ganze Mensch gefordert ist, in der es nicht mehr nur um seine beruflichen Kernkompetenzen und sein Fachwissen geht, sondern um all seine Fähigkeiten und Talente, ist Kunst jetzt schon zu einem bedeutenden Faktor positiver Prozesse geworden.


Dr. Ulrike Lehmann ist Kunsthistorikerin und –vermittlerin. Sie war viele Jahre als Kuratorin in großen Museen tätig. Als Art Coach baut sie Brücken zwischen Kunst und Wirtschaft, begleitet den Weg zur Kunst und führt Kreativworkshops durch.

Das von Dr. Ulrike Lehmann herausgegebene Buch "Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut" erschien im September 2017 im Springer Gabler Verlag. Die Publikation stellt umfassend dar, wie Kunst in Unternehmen die Kreativität und den Kommunikationsprozess anregt und welchen hohen Stellenwert sie für die Mitarbeiter hat. Auch wenn scheinbar Kunst und Wirtschaft zwei getrennte Bereiche sind, kristallisieren sich viele Gemeinsamkeiten und spannende Synergien heraus. An vielen praktischen Beispielen und Bildern werden alle denkbaren Bereiche dargestellt, so Kunst im Personalwesen, im Kreativprozess, in der internen und externen Kommunikation sowie im Marketing. Über 30 namhafte Autoren, darunter Geschäftsführer, Firmeninhaber, Künstler, Kunsthistoriker, Wirtschaftler und Wissenschaftler diskutieren den ideellen und materiellen (Mehr-)Wert von Kunst.